{"id":2777,"date":"2019-09-09T08:25:50","date_gmt":"2019-09-09T08:25:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftstams.at\/?p=2777"},"modified":"2019-09-10T09:29:44","modified_gmt":"2019-09-10T09:29:44","slug":"sich-mit-unseren-narben-zuwenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=2777","title":{"rendered":"Sich mit unseren Narben zuwenden"},"content":{"rendered":"Jeder Mensch erleidet in seinem Leben Wunden. Wir alle sind verwundete Menschen \u2013 k\u00f6rperlich und seelisch, geistig und emotional. Vielleicht keine tr\u00f6stliche Einsicht, daf\u00fcr aber n\u00fcchterne Menschenerkenntnis, die einem mindestens zu sagen vermag: Sei behutsam im Urteil, denn von unseren N\u00e4chsten wissen wir vieles nicht. Vom franz\u00f6sischen Philosophen Voltaire (1694-1778) ist der Spruch \u00fcberliefert: \u201eDie Zeit heilt alle Wunden.\u201c Tut sie das? Die Erfahrung lehrt: Narben bleiben zur\u00fcck und k\u00f6nnen sich auch Jahre nach einer Verletzung durch Schmerzen bemerkbar machen. Die Zeit heilt alle Wunden \u2013 das entspricht dann nicht der Erfahrung, wenn damit gemeint ist: Die zugef\u00fcgten Wunden sollen vergessen werden, ich tue so, als w\u00e4ren es nur oberfl\u00e4chliche Kratzer, ich lebe so, als w\u00e4re nichts geschehen. Schmerzende Narben kann ich nicht ignorieren. Wenn ich sie schon nicht ignorieren kann, soll ich sie dann vor den Augen meiner Umwelt verbergen? Die Zeit heilt alle Wunden. Aus christlicher Sicht entdecke ich die Wahrheit dieses Satzes, wenn ich mit der Zeit verstehe, wodurch ich verletzt wurde oder verletzt habe. Das braucht eine gestaltete Zeit der Heilung im Vertrauen auf die M\u00f6glichkeit des Loslassens vom Vergangenen, des Vergebens und der Vers\u00f6hnung. Das ist ein erster Gedanke. Einen zweiten Gedanken gewinne ich, wenn ich auf das Leben und Handeln Jesu schaue: Er, den der Kolosserbrief \u201edas Ebenbild des unsichtbaren Gottes\u201c (Kol 1,15) nennt, ist das Sinnbild des verwundeten Heilers. Oftmals missverstanden, verleumdet und angegriffen, h\u00f6rte er dennoch nicht auf zu heilen. In ihm offenbart sich Gottes verwundete Heilmacht: Sein Leiden und Tod brachten das Leben und gaben Hoffnung. Bereits die ersten Christen deuteten das Wort des Propheten Jesaja \u201eDurch seine Wunden sind wir geheilt\u201c (Jes 53,5) auf ihn hin. Kann ich meine Narben in den Dienst an meiner Umwelt stellen? Es gibt das Trotzdem der Liebe. Wenn ich erfahren durfte, dass ich mit meinen Narben angenommen und geliebt bin, sch\u00e4me ich mich ihrer nicht. Wie menschliche Gegenwart zu verletzen vermag, so auch zu heilen. Die Erfahrung des Angenommen- und Geliebtseins weitet den Blick: Meine Narben machen mich sensibel f\u00fcr die Verletzung anderer. Sie k\u00f6nnen zu Gaben der Heilung werden. Aber wie? Wiederum blicke ich auf das Beispiel Jesu. Er wandte sich leidenden Menschen zu, ohne \u00fcber seine eigenen Narben zu sprechen, ohne sein Leiden in den Mittelpunkt der Achtsamkeit zu stellen. Wir d\u00fcrfen das Vertrauen eingehen, dass unsere geheilten Wunden es erm\u00f6glichen, sich dem N\u00e4chsten mit unserer Person zuzuwenden. Darin besteht die heilende Gegenwart.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gregor Schwabegger OCist<\/p>\n<p>&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder Mensch erleidet in seinem Leben Wunden. Wir alle sind verwundete Menschen \u2013 k\u00f6rperlich und seelisch, geistig und emotional. 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