{"id":3161,"date":"2020-08-24T11:08:35","date_gmt":"2020-08-24T11:08:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftstams.at\/?p=3161"},"modified":"2020-08-28T14:57:22","modified_gmt":"2020-08-28T14:57:22","slug":"ein-leben-der-losloesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=3161","title":{"rendered":"Ein Leben der Losl\u00f6sung"},"content":{"rendered":"Wenn wir von anderen Liebe erfahren, sie uns immer neu Anteilnahme, Zuneigung und Freundschaft schenken, verlangen wir unmerklich nach mehr. In unseren Beziehungen neigen wir insgeheim dazu, Besitz von jemanden oder von etwas zu ergreifen. Was wir einmal an Liebe erfahren haben, das soll wieder so sein. Was uns jemand einmal an Liebe geschenkt hat, das w\u00fcnschen wir uns wieder. Und es soll es mehr werden. Wir neigen dazu, von anderen mehr zu wollen, als sie geben k\u00f6nnen oder m\u00f6chten. Es f\u00e4llt uns in der Liebe schwer, etwas oder jemanden nicht in Besitz zu nehmen. Wenn wir lieben, sehnen wir uns nach vollkommener Liebe, die aber \u2013 au\u00dfer Gott \u2013 niemand zu geben vermag.<\/p>\n<p>Diese mitunter harte Einsicht lehrt uns: Zur Kunst des Liebens geh\u00f6rt das Ja zur Freiheit des N\u00e4chsten. Wenn wir unseren N\u00e4chsten eigene Vorstellungen aufdr\u00e4ngen, wie sie zu sein haben, damit wir sie lieben k\u00f6nnen, stiften wir in unseren Beziehungen schmerzliche Entt\u00e4uschungen (\u201cEnt-T\u00e4uschungen\u201c), die zu einem menschlichen Bruch f\u00fchren k\u00f6nnen. Wenn wir den Mut aufbringen, grunds\u00e4tzlich und tagt\u00e4glich, einander Lebensr\u00e4ume nicht nur zuzugestehen, sondern Lebensr\u00e4ume f\u00fcreinander zu \u00f6ffnen, in denen wir uns gemeinsam bewegen und begegnen, kann eine achtsame N\u00e4he wachsen. Eine achtsame N\u00e4he ist empathisch und dankbar f\u00fcr das Geschenk des gegenw\u00e4rtigen Augenblicks.<\/p>\n<p>Zu einer achtsamen N\u00e4he geh\u00f6rt die achtsame Distanz. Das mag zun\u00e4chst widerspr\u00fcchlich sein, weil wir Distanz mit Desinteresse und Gleichg\u00fcltigkeit verbinden. Achtsame Distanz meint etwas anderes. Die christlichen Mystikerinnen und Mystiker vergangener Jahrhunderte sagten es immer wieder neu: Um einander lieben zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns voneinander l\u00f6sen; um die Freude an den guten und sch\u00f6nen Dingen \u201cverkosten\u201c zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir uns von ihnen l\u00f6sen. Sich l\u00f6sen zu k\u00f6nnen hei\u00dft: Ich ergreife nicht Besitz von jemanden oder von etwas, ich klammere mich nicht fest. Dahinter steht die Erfahrung: Das Leben in seiner Vielfalt, mit seinen H\u00f6hen und Tiefen, ist etwas, das wir empfangen, das uns (auf)gegeben ist und kein Besitz, an den wir uns klammern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Mystikerinnen und Mystiker hatten in ihren Glauben ein tiefes Empfinden daf\u00fcr, was \u201cgeh\u00f6ren\u201c bedeutet. Durch die Taufe geh\u00f6rt ein Mensch zu Jesus Christus und ist in dessen Gemeinschaft mit Gott aufgenommen. Der Apostel Paulus schreibt \u00fcber Christus: In ihm, durch ihn und auf ihn hin ist alles erschaffen (vgl. Kol 1,12-20). Das besagt: Mensch und Welt sind auf <em>die<\/em> <em>Liebe<\/em> und <em>das<\/em> <em>Leben<\/em> hin erschaffen (vgl. Joh 10,10; 14,6; 1 Joh 4,7-16). <em>Die<\/em> <em>Liebe<\/em> und <em>das<\/em> <em>Leben<\/em> sind die Letztberufung von Mensch und Welt. Eine Empfindsamkeit f\u00fcr diese universale Glaubenssicht stiftet auch in schweren Zeiten eine Hoffnung, die tr\u00e4gt (vgl. R\u00f6m 5,5) und zur verantwortungsbewussten Tat bewegt. Zugleich \u00f6ffnet sie unseren Horizont noch f\u00fcr etwas anderes: Da <em>die<\/em> <em>Liebe<\/em> und <em>das<\/em> <em>Leben<\/em> die Letztberufung von Mensch und Welt sind, k\u00f6nnen wir dankbar sein. Und hierin entdecken wir, worin ein Leben der Losl\u00f6sung besteht, genauer, was ein Leben liebender Losl\u00f6sung bedeutet: Weil wir nicht in Besitz nehmen wollen, ist es ein Leben, in dem wir frei sind zu danken. In genau diesem Sinn sind wir die \u201eArmen im Geiste\u201c, die Jesus seligpreist, \u201edenn ihnen geh\u00f6rt das Himmelreich\u201c (Mt 5,3).<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir zu einer solchen Empfindsamkeit gelangen?<\/p>\n<p>\u00dcben wir uns t\u00e4glich in der Dankbarkeit, indem wir am Ende des Abends auf den Tag zur\u00fcckschauen, ihn vor unseren Augen vor\u00fcberziehen lassen. Entdecken wir Momente, f\u00fcr die wir dankbar sind. Wir k\u00f6nnen, ja d\u00fcrfen nicht f\u00fcr alles dankbar sein. Aber es gibt in jeder Lebenssituation etwas, f\u00fcr das wir dankbar sein k\u00f6nnen und mag es uns auch noch so gering erscheinen: ein freundliches Wort, ein heiteres L\u00e4cheln, ein aufbauendes Gespr\u00e4ch und eine helfende Hand, eine leuchtende Kerze beim Gebet, ein gutes Essen und ein Glas sauberes Wasser, die gro\u00dfen und kleinen Sch\u00f6nheiten der Natur. Haben wir keine Furcht, all das zu betrachten, was uns zu dem Ort unseres Lebens f\u00fchrte, an dem wir hier und heute sind, weil \u2013 das ist die universale Perspektive \u2013 alles auf Christus hin erschaffen ist, der <em>die<\/em> <em>Liebe<\/em> und <em>das<\/em> <em>Leben<\/em> ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gregor Schwabegger OCist","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir von anderen Liebe erfahren, sie uns immer neu Anteilnahme, Zuneigung und Freundschaft schenken, verlangen wir unmerklich nach mehr. 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