{"id":3639,"date":"2021-06-21T13:10:05","date_gmt":"2021-06-21T13:10:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stiftstams.at\/?p=3639"},"modified":"2021-06-21T13:11:44","modified_gmt":"2021-06-21T13:11:44","slug":"aussergewoehnlich-mutig-predigt-von-bischof-hermann-glettler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=3639","title":{"rendered":"Au\u00dfergew\u00f6hnlich mutig &#8211; Predigt von Bischof Hermann Glettler"},"content":{"rendered":"<em>Zur Priesterweihe von P. Gregor Schwabegger, P. Aloysius Vu und<\/em><br \/>\n<em>P. Savio Ngo im Zisterzienserstift Stams am 19. Juni 2021; Evangelium: Mk 4, 26-34<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einleitung: Au\u00dfergew\u00f6hnliche Zeiten verlangen nach au\u00dfergew\u00f6hnlichen Antworten. Mit diesem<br \/>\ngel\u00e4ufigen Stehsatz l\u00e4sst sich vieles begr\u00fcnden und je nach Bedarf auch billig entschuldigen \u2013 brauchbar<br \/>\nf\u00fcr eine unbek\u00fcmmerte Schlagzeilen-Politik. Dennoch trifft der Sager unser heutiges Tun:<br \/>\nIch darf drei junge M\u00e4nner, die sich f\u00fcr die monastische Lebensform der Zisterzienser entschieden<br \/>\nhaben, zu Priestern weihen. Liebe Weihekandidaten, ihr gebt eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Antwort auf<br \/>\nden Anruf Gottes, der wie eine Saat mit au\u00dfergew\u00f6hnlicher Keimkraft in euren Herzen aufgegangen<br \/>\nist. Das Gleichnis von der Saat im Evangelium f\u00fchrt uns das kostbare Zuerst von Gottes Zuwendung<br \/>\nvor Augen. Vieles, was ihr an menschlicher Ermutigung, Begleitung und Ausbildung erfahren habt,<br \/>\nbenennen wir heute mit gro\u00dfer Dankbarkeit. Das Wesentliche jedoch Gott gewirkt \u2013 ganz gew\u00f6hnlich<br \/>\nund au\u00dfergew\u00f6hnlich zugleich. Mit der Weihe verbinde ich eine dreifache Ermutigung, die sich an der<br \/>\nbesonderen Form eurer monastischen Berufung orientiert.<br \/>\n1. Mut zu einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Einfachheit<br \/>\nVor kurzem hat mir ein Priester, der bereits sein diamantenes Weihejubil\u00e4um gefeiert hat, erz\u00e4hlt,<br \/>\ndass er t\u00e4glich einen ausgedehnten Spaziergang macht, dem Radlweg entlang \u2013 immer dieselbe<br \/>\nRoute. Die Leute im Dorf wissen es und t\u00e4glich (!) spricht ihn jemand an, einige suchen ganz bewusst<br \/>\neine \u201ezuf\u00e4llige\u201c Begegnung, um ihr Herz aussch\u00fctten zu k\u00f6nnen. \u201eDer Radlweg ist meine Pfarre!\u201c hat<br \/>\nmir der im Herzen jung gebliebene Seelsorger mit strahlender Dankbarkeit erz\u00e4hlt. Und: \u201eHerr<br \/>\nBischof, wenn die vielen kleinen Ereignisse und die vielen Begegnungen in ihrer Tiefendimension<br \/>\nanschaue, ist in meinem Leben sehr viel los, immer noch!\u201c Diese einfache und doch so<br \/>\nau\u00dfergew\u00f6hnliche N\u00e4he eines Seelsorgers zu den Menschen ist uns Vorbild.<br \/>\nLiebe junge Freunde, ich wei\u00df nicht, wie eine M\u00f6nchszelle heutzutage ausgestattet ist \u2013 aber ich<br \/>\nvermute, dass sie trotz des hohen kulturellen Reichtums in diesem Stift eine angemessene<br \/>\nSchlichtheit besitzt. Nichts soll ablenken, nichts unser Herz besetzen \u2013 so \u00e4hnlich radikal formuliert es<br \/>\nBernhard von Clairvaux, euer geistlicher Vater. Ich meine nat\u00fcrlich keinen l\u00e4cherlichen Armutspathos,<br \/>\nsondern eine Lebensform, die Freiheit erm\u00f6glicht und zu einer immer gr\u00f6\u00dferen Freiheit ermutigt. Ein<br \/>\neinfaches Leben \u00fcberzeugt, gerade auch die jungen Leute, mit denen ihr hier im Schul-Cluster von<br \/>\nStams zu tun habt. Sie haben ein unbestechlich gutes Sensorium f\u00fcr das, was authentisch ist und dem<br \/>\nLebensstil Jesu entspricht.<br \/>\nEin bewusst einfaches Leben verbindet uns unspektakul\u00e4r auch mit jenen, die keine freie Wahl haben<br \/>\nund selbst in unserer Wohlstandsgesellschaft um das Lebensnotwendige k\u00e4mpfen m\u00fcssen, mit jenen,<br \/>\ndie mit chronischen Erkrankungen zu tun haben, Angeh\u00f6rige pflegen und vieles mehr an<br \/>\nHerausforderungen meistern m\u00fcssen. Als \u201eGeistliche\u201c haben wir doch die innere, jesuanische<br \/>\nVerpflichtung, diesen Menschen unser Herz zu weihen, sie nicht zu \u00fcbersehen \u2013 zumindest an sie zu<br \/>\ndenken, f\u00fcr sie zu beten und wo es nur irgendwie m\u00f6glich ist, mit Seelsorge und sozialem Einsatz ihr<br \/>\nLeben ertr\u00e4glicher zu machen. Habt Mut zu einem einfachen Leben. Es macht uns zug\u00e4nglich, frei und<br \/>\nverf\u00fcgbar f\u00fcr das, was wir zum Wachstum von Gottes Reich beitragen k\u00f6nnen.<br \/>\n2. Mut, sich von Gott st\u00f6ren zu lassen<br \/>\nRichard Ames, bekannter Tenor an der Grazer Oper und Kantor in der j\u00fcdischen Gemeinde wurde<br \/>\neinmal gefragt, warum es im Judentum so viele Gebote und Verbote gibt \u2013 und wie er, bekannt als ein<br \/>\nlebensfroher und weltoffener Mensch, dazu st\u00fcnde. Seine Antwort bewegt mich bis heute. Er sagte,<br \/>\ndass die vielen religi\u00f6sen Vorgaben einzig und allein den Sinn h\u00e4tten, sich von Gott im Alltag st\u00f6ren zu<br \/>\nlassen. Sich von Gott st\u00f6ren zu lassen \u2013 inmitten einer Zeit, die ihren Rhythmus vorgibt, ihren \u201erun\u201c,<br \/>\ndem kaum zu entkommen ist. War es neben den Entbehrungen und unz\u00e4hligen negativen Folgen der<br \/>\nCorona-Zeit nicht auch ein Segen, dass wir kollektiv aus der Bahn geworfen wurden? In unserem<br \/>\nheillosen Tempo gest\u00f6rt wurden?<br \/>\nLiebe Weihekandidaten, durch die Regel eurer Ordensgemeinschaft seid ihr zur permanenten<br \/>\nUnterbrechung im Tagesablauf verpflichtet. Ihr habe einen Dienst des Gebetes \u00fcbernommen. Das ist<br \/>\nmutig in einer Zeit, in der alles nach wirtschaftlicher N\u00fctzlichkeit und Effektivit\u00e4t verrechnet wird. Das<br \/>\nscheinbar unn\u00fctze Gebet ist heilsam und zeichenhaft in unserer auf Business und Fun ausgerichteten<br \/>\nGesellschaft. Lasst euch weiterhin von Gott st\u00f6ren \u2013 auch wenn euer Chorgebet und Betrachten nicht<br \/>\nimmer den emotionalen Kick haben kann. Im Gew\u00f6hnlichen wird das Au\u00dfergew\u00f6hnliche<br \/>\nwahrnehmbar. Das gilt im Besonderen f\u00fcr die priesterlichen Gebete in der Feier der Eucharistie. Sie<br \/>\nverbinden uns mit Jesus, der durch sein Leben, Sterben und Auferstehen f\u00fcr immer Erde und Himmel<br \/>\nverbunden hat. Beten wir mit ihm: \u201eVater, ich preise Dich, denn \u2026\u201c<br \/>\nLass wir uns bitte auch st\u00f6ren von jenen, die sich mit Gott und Kirche schwer tun \u2013 achten wir auf ihre<br \/>\nVerwundungen, Entt\u00e4uschungen und vielleicht auch aggressiven \u00c4u\u00dferungen. Mit diesen Stimmen<br \/>\n\u201evon au\u00dfen\u201c werden wir in den \u00fcblichen Gewohnheiten hinterfragt, vielleicht auch irritiert. Ist in<br \/>\nunserem Beten und gemeinschaftlichen Leben das Au\u00dfergew\u00f6hnliche von Gottes Leidenschaft f\u00fcr<br \/>\nden Menschen sp\u00fcrbar? In den Herzen der Menschen schlummert doch eine Sehnsucht, die vielfach<br \/>\nversch\u00fcttet ist, aber pl\u00f6tzlich wieder aufbrechen kann. Ein Kloster, das im Mittelalter gegr\u00fcndet<br \/>\nwurde, ist offensichtlich aus der Zeit gefallen \u2013 kann aber gerade f\u00fcr die Nomaden und Suchenden<br \/>\nunserer Zeit zur Oase werden, zu einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Zufluchtsort. Wichtig ist, dass es ein Ort<br \/>\nder entlastenden Unterbrechungen ist, gastfreundlich f\u00fcr die Entfremdeten.<br \/>\n3. Mut, sich einem gemeinschaftlichen WIR anzuvertrauen<br \/>\nIn einigen Kl\u00f6stern haben wir die Situation, dass sie durch die Altersstruktur der Gemeinschaft kaum<br \/>\nmehr anschlussf\u00e4hig f\u00fcr neue Berufungen sind. Vielleicht wird uns hier in Stams ein neuer Aufbruch<br \/>\ngeschenkt. Wir sind sehr beschenkt, dass M\u00f6nche aus der Zisterzienserabtei Chau Son in Vietnam<br \/>\nhierhergekommen sind und zur geistvollen Lebendigkeit und Fr\u00f6hlichkeit der Gemeinschaft hier<br \/>\nWesentliches beitragen. Dass ist au\u00dfergew\u00f6hnlich \u2013 eine Erfahrung internationaler<br \/>\nGeschwisterlichkeit, wie sie Papst Franziskus in \u201eFratelli tutti\u201c beschreibt. Wo auch immer wir leben,<br \/>\nwas auch immer wir an spezieller Kompetenz und Auftrag leben, wir geh\u00f6ren durch Christus zu einer<br \/>\nweltweiten Gemeinschaft \u2013 und d\u00fcrfen sie an einem ganz spezifischen Ort mitaufbauen.<br \/>\nDie Entscheidung f\u00fcr eine konkrete Gemeinschaft verlangt Mut. Es ist die Alternative zu den<br \/>\nsolistischen Pfaden, die scheinbar zur individuellen Selbstverwirklichung in unserer Zeit unabdingbar<br \/>\nw\u00e4ren. Und zugleich leiden wir kollektiv darunter. Einsamkeit ist der Name f\u00fcr die gro\u00dfe seelische<br \/>\nPandemie, die uns gegenw\u00e4rtig heimsucht. Wer sich f\u00fcr eine kl\u00f6sterliche Gemeinschaft entscheidet,<br \/>\nversucht seinen Eigensinn zur\u00fcckzustellen und sich in ein gr\u00f6\u00dferes Wir hineinzubegeben.<br \/>\nExemplarisch wird im Kloster gelebt, was uns alle beschenkt und herausfordert: Wer sich selbst nicht<br \/>\nzur\u00fcckh\u00e4lt, wird Gl\u00fcck erfahren. Lieber Gregor, lieber Aloysius, lieber Savio, ihr werdet zu Priestern<br \/>\nf\u00fcr eure Gemeinschaft und f\u00fcr das ganze Volk Gottes geweiht. Als Zeugen Jesu seid ihr lebendige<br \/>\nMut-Tr\u00e4ger und Mut-Vermehrer im gro\u00dfen Wir der Kirche und unserer Gesellschaft.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Priesterweihe von P. Gregor Schwabegger, P. Aloysius Vu und P. Savio Ngo im Zisterzienserstift Stams am 19. Juni 2021; Evangelium: Mk 4, 26-34 Einleitung: Au\u00dfergew\u00f6hnliche Zeiten verlangen nach au\u00dfergew\u00f6hnlichen Antworten. 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