{"id":4345,"date":"2023-06-06T11:32:03","date_gmt":"2023-06-06T11:32:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=4345"},"modified":"2023-06-06T11:32:03","modified_gmt":"2023-06-06T11:32:03","slug":"riga-quod-est-aridum-bewaessere-was-trocken-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=4345","title":{"rendered":"\u201eRiga quod est aridum\u201c &#8211; \u201eBew\u00e4ssere, was trocken ist\u201c -"},"content":{"rendered":"Im Evangelium nach Johannes sagt Jesus: \u201eGott ist Geist und alle, die ihn anbeten, m\u00fcssen im Geist und in der Wahrheit anbeten\u201c (Joh 4,24). Gott ist Geist, der von Anbeginn die ganze Sch\u00f6pfung durchstr\u00f6mt (vgl. Gen 1,1). In seinem Geist hat Gott zu allem, was ist, unmittelbar Beziehung. In seinem Geist ist er allem unmittelbar gegenw\u00e4rtig, so dass man sagen kann: Der Heilige Geist ist der Atem allen Seins, der Atem der Sch\u00f6pfung. Von daher ber\u00fchrt der Geist Gottes den Menschen bringt ihn zu sich selbst und f\u00fchrt ihn \u00fcber sich selbst hinaus. Glaube, Hoffnung und Liebe \u2013 man nennt sie \u201cg\u00f6ttliche Tugenden\u201c \u2013 sind gleichsam die Herzschl\u00e4ge des Geistes Gottes, der im Menschen wirkt.<\/p>\n<p>In der Sequenz \u201cVeni Sancte Spiritus\u201c (\u201cKomm, Heiliger Geist\u201c), die Stephen Langton (ca. 1150 \u2013 1228) zugeschrieben wird, hei\u00dft es: \u201e(\u2026) riga quod est aridum\u201c \u2013 \u201ebew\u00e4ssere, was trocken ist\u201c. Im \u201eVeni\u201c (\u201eKomm\u201c), das die ganze Sequenz durchzieht, dr\u00fcckt sich die Sehnsucht des Menschen nach Leben und Lebendigkeit aus. \u201eRiga quod est aridum\u201c. Hier geht es um die Erfahrung, dass das Leben versiegt: Die Erfahrung der Erstarrung, Unfruchtbarkeit und D\u00fcrre. Sie hat viele Erscheinungsformen. D\u00fcrre trocknet den Boden aus. Die zu Staub gewordene Erde tr\u00e4gt der Wind fort und erstickt die Saat, sobald sie wieder auf den Acker f\u00e4llt. Wenn eine Idee oder Vision zwar einen selbst und andere begeistert, aber nicht \u00fcber die Rhetorik hinauskommt. Wenn Gesch\u00e4ftigkeit den einzelnen und eine ganze Gemeinschaft begeistern und herumtreiben kann, letztlich aber keine bleibenden Werte zum Ausdruck bringt oder stiftet. Wenn die Perspektive, das Erleben und die Gestaltungskraft einer ganzen Gemeinschaft, einer ganzen Gesellschaft aus lauter Pragmatismus nicht mehr \u00fcber das Tagesgesch\u00e4ft hinausreicht und eine Generation sagt: \u201eF\u00fcr uns hat es gepasst. F\u00fcr uns wird es noch reichen. Was dann kommt, geht uns nichts mehr an.\u201c Und schlie\u00dflich gibt es die Erfahrung der ganz pers\u00f6nlichen D\u00fcrre: in der Gestaltung unseres inneren und \u00e4u\u00dferen Lebens, in der Wahrnehmung unserer Mitwelt, in der Beziehung zu Gott. <\/p>\n<p>Dass es eben auch Zeiten allgemeiner Erm\u00fcdung und Ersch\u00f6pfung gibt, reicht als Erkl\u00e4rung nicht aus. Denn demgegen\u00fcber steht die Erfahrung: Es gibt eine Sehnsucht und eine Werthaftigkeit, auch eine Fruchtbarkeit, die \u00fcber solche Zeiten hinausragt. Das eigentlich Sch\u00f6pferische fehlt oder zeigt sich im dreifachen Verh\u00e4ltnis des Menschen zu sich selbst, zu seiner Mitwelt und zu Gott. Wenn der Mensch in eine Verfassung geraten ist, wo er gegen\u00fcber dem abstumpft, was ihn zuinnerst anspricht und ber\u00fchrt, ergreift und bewegt, existiert er als Verzerrung seiner selbst, existiert er gewisserma\u00dfen als seine eigene Karikatur: Die inneren Quellen versiegen, Sand und Gestein breiten sich aus und legen sich allm\u00e4hlich \u00fcber fruchtbares Land. <\/p>\n<p>\u201eRiga quod est aridum.\u201c Im Buch Jesaja hei\u00dft es: \u201eDenn der Herr hat Zion getr\u00f6stet, getr\u00f6stet all ihre Ruinen. Er machte ihre W\u00fcste wie Eden und ihre \u00d6de wie den Garten des Herrn\u201c (Jes 51,3). Das babylonische Exil des Volkes Israel mit seinen bedrohlichen Folgen konnte Zions Wasserreichtum nicht vernichten. Zion ist das Bild f\u00fcr die Mitte des Segens Gottes (vgl. Ps 14,7). Unsere W\u00fcsten m\u00fcssen bestanden werden. Sie k\u00f6nnen im Glauben bestanden werden. Dann aber nicht im Sinne eines verzweckten Optimismus (\u201eDas wird schon wieder\u201c), sondern aus der Erinnerung des Glaubens heraus, aus dem Vertrauen, dass Gott selbst uns die Quellen erschlie\u00dft, die das W\u00fcstenland in ein fruchtbares Land verwandeln. Der Sinn des Menschen f\u00fcr das, was ihn in seiner Existenz zutiefst anspricht und ber\u00fchrt, der Sinn f\u00fcr das Heilige, weist den Weg zu den Quellen. Wenn man nicht weiter als Karikatur seiner selbst existieren will, gen\u00fcgt es nicht zu warten bis scheinbar wieder alles in Ordnung ist, bis alles wieder seine \u201cNormalit\u00e4t\u201c hat. Der Weg zu den Quellen muss gegangen und gestaltet werden. Um den Preis der harten Auseinandersetzung in und mit der W\u00fcste. \u201eRiga quod est aridum.\u201c Geben wir uns keiner Illusion hin: Sie bedeutet einen mitunter schmerzhaften Vorgang. Und zugleich ist sie Heilwerdung und Neuwerdung, wenn sich die Quelle ihren Weg durch die W\u00fcste bahnt und zum Fluss findet. Das ist das Wirken des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p>P. Gregor Schwabegger OCist<br \/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Evangelium nach Johannes sagt Jesus: \u201eGott ist Geist und alle, die ihn anbeten, m\u00fcssen im Geist und in der Wahrheit anbeten\u201c (Joh 4,24). Gott ist Geist, der von Anbeginn die ganze Sch\u00f6pfung durchstr\u00f6mt (vgl. Gen 1,1). 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