{"id":4434,"date":"2023-12-23T11:50:38","date_gmt":"2023-12-23T11:50:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=4434"},"modified":"2023-12-23T11:50:38","modified_gmt":"2023-12-23T11:50:38","slug":"gedanken-zu-weihnachten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=4434","title":{"rendered":"Gedanken zu Weihnachten"},"content":{"rendered":"Weihnachten ist vielfach mit Anspr\u00fcchen und Erwartungen \u00fcberladen. Damit verbindet sich, auch medial eingetrichtert, das Bild der \u201eperfekten\u201c Gemeinschaft. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Was ein Jahr hindurch an Beziehung nicht gelungen ist, das soll jetzt sein. Was man ein Jahr hindurch nicht an Zuwendung gezeigt hat, das soll sich jetzt erweisen. Aus den eigenen Erwartungen an sich und andere entwickelt sich mitunter ein spannungsgeladenes Gemenge, das sich an den Feiertagen entl\u00e4dt. Hinzu kommt, \u00f6konomisch propagiert, Weihnachten als belastendes \u201eFest der Geschenke\u201c \u2013 zuweilen nicht mehr als der Ausdruck eines getriebenen Konsumverhaltens. Der christliche Sinn von Weihnachten wird so bewusst oder unbewusst vergessen, an den Rand gedr\u00e4ngt oder ausgeblendet.<\/p>\n<p>Der Sinngehalt der Weihnachtsliturgie nimmt eine geerdete Sicht auf die Situation des Menschen ein: Dieser geht auf den Pfaden seines Lebens unweigerlich auf Gott zu, er folgt dem Stern der Hoffnung, dass sein Leben doch einen Sinn hat und Erf\u00fcllung findet, und er erf\u00e4hrt, dass er sich letztlich keine bleibenden Herbergen schaffen kann. Die Hoffnung l\u00e4sst den Menschen weitergehen, bisweilen hoffend auf Hoffnung, ahnend, dass sein Weg nicht zu Ende ist, sein Leben unvollendet bleibt und dass da noch etwas \u201canderes\u201c sein muss. Wir, die wir in unserer eigenen Leistung und im Konsum das Heil suchen und selbst machen wollen, wir verrennen uns dabei heillos \u2013 Heil und Erl\u00f6sung k\u00f6nnen wir uns nicht machen.<\/p>\n<p>Hierin hat die Botschaft von Weihnachten ihren Ort: Gott webt sich in die Menschheitsgeschichte ein. Er tritt in unsere Existenz ein und stellt sich unter den Bedingungen unserer Lebenswelt. Nicht als g\u00f6ttlicher Rollenspieler, sondern als einer von uns \u2013 als Mensch unter Menschen, als Mensch mit Menschen. \u201eUnd das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt\u201c (Joh 1,14), \u201eHeute ist euch der Retter geboren\u201c (vgl. Lk 2,11). Geboren, das hei\u00dft geschenkt, nicht gemacht. Nicht von uns kommend, sondern zu uns kommend. Am Menschlichen und Lebenswirklichen vorbei ist Gott nicht zu finden. Wenn wir diese schier unbegreiflichen Worte des Johannesevangeliums erfassen wollen, m\u00fcssen wir sie in ihrer Radikalit\u00e4t aufnehmen: Wir treffen Gott nicht nur auf den Gipfeln des Erfolgs an, sondern auch in den Tiefen des Scheiterns, nicht nur auf den H\u00f6hen der Freude, sondern auch in den Tiefen der Klage, Bitte und Verzweiflung, nicht nur in den Segnungen der Freundschaft und Liebe, sondern auch in den Lasten der Not und Einsamkeit, wenn unsere Gebete im Schweigen verstummen. Gott zu begegnen, das ist nur im ganzen \u201cJa\u201c zur H\u00f6he und Tiefe unserer Existenz m\u00f6glich. \u201eUnd das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst\u201c (Joh 1,5). Die Menschwerdung Gottes, die Geburt des Heilands, geschieht in der Mitte der Nacht. W\u00e4re der Heiland wahrer Mensch, w\u00e4re er einer von uns, wenn er die Menschennacht gescheut h\u00e4tte? Doch gerade da hinein ist er geboren, um sein Licht in ihr aufstrahlen zu lassen: Seine sich zuwendende Liebe kann keine Finsternis erfassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Hirten und die drei Weisen brechen nach Bethlehem auf. Dort sitzt nicht der g\u00f6ttliche Allherrscher auf dem Thron in einem Palast, dort liegt ein S\u00e4ugling in der Krippe eines Stalls. Gott kommt in unser Leben, aber anders als erwartet: Im Kind, das in der Krippe liegt, zeigt er sein Antlitz. Er begegnet uns von Mensch zu Mensch, in Augenh\u00f6he. Im Kind begegnet er uns unterhalb unserer Augenh\u00f6he. Und damit ist er uns ganz nahegekommen, die wir selbst angewiesen sind auf Zuwendung. Die Hirten und die drei Weisen lassen sich von Gott ber\u00fchren. Er ber\u00fchrt z\u00e4rtlich, in dem Moment, wo wir uns von jenen Haltungen verabschieden, mit denen wir unsere vernarbten Wunden, die das Leben geschlagen hat, mit gespielter Harmonie St\u00e4rke zu sch\u00fctzen trachten. Er ber\u00fchrt uns in dem Moment, wo wir zur Erkenntnis kommen, dass wir Empfangende des Lebens sind \u2013 wir verdanken das Leben und die Wunder des Lebens nicht uns selbst. Schlie\u00dflich: Gott ber\u00fchrt uns z\u00e4rtlich, wo wir uns einander selbstlos zuwenden.<\/p>\n<p>Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt\u201c (Joh 1,14). Das Wort vom Wohnen muss vom griechischen Originaltext her als \u201czelten\u201c verstanden werden. Gott hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen. Er ist zum Menschen unterwegs und im Menschen ber\u00fchrbar geworden. Doch Gott bleibt der Gott der Verhei\u00dfung. Seine z\u00e4rtliche Ber\u00fchrung bleibt momenthaft, um meinetwillen und um des N\u00e4chsten willen. Nur auf diese Weise laufen wir nicht Gefahr, den anderen zum Mittel der eigenen Gottesbeziehung zu machen und den Gottesglauben nicht zu instrumentalisieren. Der N\u00e4chste ist als Gottes Bild und Gleichnis um seiner selbst willen zu achten. Die Erfahrung der Ber\u00fchrung Gottes l\u00e4sst sich weder festhalten noch beweisen. Sie erweist sich aber in Neugeborenwerden von Geist und Herz. Wir bleiben also unterwegs in heiliger Unruhe, die sich nach der F\u00fclle des Lebens sehnt. Wir sind Pilger in dieser Zeit, doch nicht allein, sondern mit Jesus Christus, der das Leben mit uns lebt.<\/p>\n<p>P. Gregor Schwabegger OCist<strong><br \/>\n<\/strong>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten ist vielfach mit Anspr\u00fcchen und Erwartungen \u00fcberladen. Damit verbindet sich, auch medial eingetrichtert, das Bild der \u201eperfekten\u201c Gemeinschaft. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Was ein Jahr hindurch an Beziehung nicht gelungen ist, das soll jetzt sein. 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