{"id":4439,"date":"2024-01-08T18:20:42","date_gmt":"2024-01-08T18:20:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=4439"},"modified":"2024-01-08T18:20:42","modified_gmt":"2024-01-08T18:20:42","slug":"aus-der-letztgueltigen-hoffnung-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stiftstams.at\/?p=4439","title":{"rendered":"Aus der letztg\u00fcltigen Hoffnung leben"},"content":{"rendered":"Der r\u00f6mische Staatsmann und Philosoph Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. &#8211; 43 v. Chr.) schreibt in einem Brief an seinen Freund Atticus:<\/p>\n<p>\u201eDum spiro spero. Dum spero animo. Dum amo vivo \u2013<\/p>\n<p>Solange ich atme, hoffe ich. Solange ich hoffe, liebe ich. Solange ich liebe, lebe ich.\u201c<\/p>\n<p>Die Hoffnung ist der Lebensatem jenes Menschen, der sich auf dem Weg wei\u00df, der erkennt und annimmt: Ich bin noch nicht am Ende meines Lebens, ich bin noch im Werden in einer Welt, die sich selbst stetig im Werden und Vergehen, in Wandlung und Ver\u00e4nderung befindet, ich bin noch unterwegs als Pilger auf dieser Erde. Ausgespannt zwischen dem Jetzt der Gegenwart, die Vergangenheit erinnernd, und dem \u201eNoch-nicht\u201c der Zukunft, richtet er sich aus nach dem, was er ersehnt und erwartet und zugleich, was auf ihn zukommt und ihn erwartet. Die Hoffnung h\u00e4lt in diesem Sinne eine lebenst\u00fcchtige Spannkraft aufrecht.<\/p>\n<p>F\u00fcr gew\u00f6hnlich hat unser Hoffen die Gestalt des <em>\u201eIch hoffe, dass \u2026\u201c<\/em>. Von der christlichen Blickrichtung aus betrachtet, wird solches Hoffen von einem ungleich gr\u00f6\u00dferen Horizont umfasst \u2013 von der letztg\u00fcltigen Hoffnung. Sie richtet sich aus auf das Gottesreich, das in Jesus Christus begonnen hat: in seiner Botschaft und seinen Taten, in seinem Leben, in seinem Kreuz und Auferstehen.<\/p>\n<p>Das Gottesreich ist eine bereits gegenw\u00e4rtige und zugleich eine zuk\u00fcnftige Wirklichkeit. Es scheint gegenw\u00e4rtig bereits dort auf, wo sich Menschen an der Botschaft Jesu und an seinem Handeln ausrichten \u2013 als verdanktes, erl\u00f6stes und vers\u00f6hntes Leben, dort, wo Gerechtigkeit, Frieden und Humanit\u00e4t, wo Glaube, Hoffnung und Liebe wachsen. Zuk\u00fcnftige Wirklichkeit besagt: Christus wird in seiner Wiederkunft das Gottesreich vollenden \u2013 Sch\u00f6pfung und Mensch werden neu geschaffen, werden in Gott vollendet. Was in Vergangenheit und Gegenwart an Gerechtigkeit, Frieden und Humanit\u00e4t, an Glauben, Hoffnung und Liebe bruchst\u00fcckhaft aufgeschienen ist und jetzt aufscheint, das bleibt g\u00fcltig und wird erf\u00fcllt, wird ganz gemacht. Das \u201eEnde der Welt\u201c ist darum f\u00fcr den christlich Glaubenden nicht blo\u00df Untergang, sondern Vollendung und Neusch\u00f6pfung. Wenn aber die Letztperspektive \u201eLeben in F\u00fclle\u201c ist, schon jetzt hier und dort ein St\u00fcck weit erfahrbar, dann geht von ihr auch eine sch\u00f6pferische Lebenst\u00fcchtigkeit f\u00fcr die Gegenwart aus.<\/p>\n<p>In Ankn\u00fcpfung an die Worte Ciceros ist daher zu sagen: Der letztg\u00fcltig Hoffende bleibt nicht bei sich stehen, sondern bezieht immer das <em>Du<\/em> und <em>Wir<\/em> ein. Also nicht mehr nur <em>\u201eIch hoffe, dass \u2026\u201c<\/em>, sondern <em>\u201eIch hoffe f\u00fcr dich und f\u00fcr uns alle\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Die letztg\u00fcltige Hoffnung bedeutet darum nicht ein Ausblenden, Aussitzen und Ausweichen von Schwierigkeiten gleich welcher Art, ist darum nicht mit der bestimmenden Haltung des Optimismus (\u201eDas wird sich schon <em>so<\/em> einrichten\u201c) gleichzusetzen, weil sich der letztg\u00fcltig Hoffende im Prozess eines Werdens eingebunden wei\u00df: Seine Hoffnung gilt dem Werden des Gottesreichs <em>unter den Bedingungen der Gegenwart<\/em>, dem Neuwerden als Mensch, dem Menschwerden und Reifen \u00fcberhaupt, dem Neuwerden des Lebens und der Erl\u00f6sung insgesamt. So k\u00f6nnen auch die entt\u00e4uschten Hoffnungen des <em>\u201eIch hoffe, dass \u2026\u201c<\/em> im Kleinen und Gro\u00dfen, die oftmals Ent-T\u00e4uschungen festgeklammerter Vorstellungen oder eines Wunschdenkens sind, \u00fcberstiegen werden, hinein in den letztg\u00fcltigen Horizont, der \u201eLeben in F\u00fclle\u201c ist.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen die Frage nach dem <em>Warum<\/em> des Leids letztlich nicht beantworten \u2013 jede Antwort wirft doch nur weitere Fragen auf. Ich kann hier nur aus meinem Glauben heraus sagen: Im Schauen auf das Leben und Leiden Jesu, im Schauen auf sein Kreuz, im Schauen auf das glaubw\u00fcrdige Lebenszeugnis von Christinnen und Christen, von den Anf\u00e4ngen der Kirche bis herauf in unsere Tage, finde ich zwar keine endg\u00fcltige Antwort auf dieses <em>Warum<\/em>, aber ich beginne immer neu zu verstehen, beginne immer neu zu ahnen, dass es eine endg\u00fcltige Auferstehung durch alles Leid hindurch gibt.<\/p>\n<p>Wer lebenswirklich auf Jesus Christus hofft, verborgen gegenw\u00e4rtig im Sakrament und in seinem Wort, das im Gottesdienst verk\u00fcndet wird, die Erl\u00f6sung der Welt in seiner Wiederkunft als Heiland und Richter vollendend, wird seine letztg\u00fcltige Hoffnung auf ihn setzen, wird t\u00e4glich in die Lebensschule des Evangeliums gehen und von hier aus seine Verantwortung f\u00fcr Mensch und Welt \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>P. Gregor Schwabegger OCist","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der r\u00f6mische Staatsmann und Philosoph Marcus Tullius Cicero (106 v. Chr. &#8211; 43 v. Chr.) schreibt in einem Brief an seinen Freund Atticus: \u201eDum spiro spero. Dum spero animo. Dum amo vivo \u2013 Solange ich atme, hoffe ich. 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