Betrachtung zu Ostern

Das Buch Genesis, das erste Buch der Heiligen Schrift, erzählt: Gott schenkt dem Menschen den Garten Eden, den Lebensgarten, damit er ihn bewohnt, ihn genießt und für ihn Sorge trägt. Die Mitte des Gartens soll der Macht des Menschen entzogen sein. Die Mitte hält gegenwärtig, dass sich der Mensch die Wunder des Lebens nicht sich selbst verdankt, sondern geschenkt bekommt. Doch der Mensch will diesem Geschenk nicht trauen. Und so greift er danach. Er will es in Besitz nehmen. Er will es beherrschen. Im selben Augenblick, da er das Vertrauen verliert, da kommt er sich selbst, da kommt ihm die ganze Welt armselig vor. Gott misstrauend, erscheint ihm nun die ganze Welt als Qual und das Leben als Kampf ums Dasein.

Wir können die folgenden Erzählungen des Alten Testaments so verstehen, dass Gott nur eine Sehnsucht hat: Dass der Mensch wieder zur Freundschaft mit ihm findet, die Welt als Garten des Lebens erfährt und wieder die ursprüngliche Ehrfurcht hat vor allem Leben. Aber weil all das so oft als menschlich gebrochen erschienen ist wie Licht in Nebelfeldern, begibt sich Gott selbst ganz in seine Schöpfung hinein und in die Geschichte der Menschheit: In Jesus von Nazareth ist er Mensch geworden, um die Menschen von allem zu heilen, was sie von ihm und was sie voneinander trennt: „Damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ So hat Gott den Weg zur heilen Freundschaft mit ihm bereitet, damit er in seinem Sohn Jesus „Abba, Vater“ genannt werden kann und die Menschen Kinder Gottes sein können und untereinander Brüder und Schwestern. Und Jesus lebt vollkommen, was er von Gott sagt: „Habt Vertrauen! Fürchtet euch nicht!“ Er rüttelt zur Wachsamkeit auf und mahnt zur Umkehr. Er heilt und versöhnt. Er hält Mahl und gibt Nahrung. Er ruft zurück ins Leben und richtet auf. Er lässt sich zuinnerst berühren von Menschennot und Elend. Er wendet sich allen zu, die zu ihm kommen und sucht jene auf, die vereinsamt sind, die gebrochen sind und gebrochen wurden. Was er sagt und vollbringt, wie er den Menschen begegnet, das geht vielen ins Herz. Diese sind es, die erfahren: Wie Gott ist, das ist in Jesus von Nazareth vollkommen gegenwärtig.

Aber weil er Gott seinen Vater und sich Sohn Gottes nennt, und weil eine solche göttliche Liebe alles Leben umfasst, weil sie alle umarmt, ob nach Menschenurteil rein oder unrein, erfolgreich oder gescheitert, armselig oder reich, dazugehörig oder ausgeschlossen, ob Mann, Frau oder Kind, darum schafft er sich Feinde. Feinde unter jenen, die solcher Liebe misstrauen, denen solche Liebe Angst macht. Und ihre Angst steigert sich zum blinden Hass.

Ihr Hass vernichtet Jesus am Kreuz. Noch in seinen letzten Augenblicken betet er auch für sie. Am Kreuz zieht er alles an sich: Alles, was Leid ist und Leid verursacht; alles menschliche Gebrochensein, alle Verlorenheit; alles, was Sünde ist und den Menschen unfrei macht. Er zieht das ganze Menschengeschlecht an sich und trägt es sterbend in Gott hinein. Jene, die ihn vernichten, machen sichtbar wahr, was Jesus von Gott verkündet hat und was er gelebt hat: Dass er die Menschen, auch jene, die sich blind in Hass und Gewalt verloren haben, im Herzen trägt. So tief, dass diese Liebe in Jesus bis zur Hingabe des eigenen Lebens geht.

Jesus erlebt im Sterben die menschliche Verlassenheit, als er den Psalm 22 zu beten beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Doch die Worte des Psalms enden nicht in der Gottverlassenheit, sondern im Gottvertrauen. In diesem Vertrauen gibt Jesus sein Leben hin. Im Vertrauen zu Gott, seinem Abba, dass sein Leben in ihm vollendet ist.

Die Freunde Jesu, Frauen und Männer, die ihm nachfolgen, erfahren es dann ganz neu: Gott ist gegenwärtig. Und die Mitte ihrer Erfahrung ist Jesus. Nicht als Erinnerung, sondern im Hier und Jetzt. Als der, welcher in Gott lebt und sich ihnen von Gott her zuwendet: „Der Friede sei mit euch!“ Diese Erfahrung lässt sie aufbrechen. In der ihnen vertrauten Glaubenssprache sagen sie: „Jesus ist auferstanden. Gott hat ihn von den Toten auferweckt.“

Ostern bedeutet: Unser Leben, wenn es trotz allem auf die Liebe hin ausgerichtet bleibt, wenn es von der Hingabe in der Kraft der Liebe bewegt und getragen wird, wenn auch immer bruchstückhaft, dieses unser Leben wird für immer in Gott bewahrt. Das ist jenes Vertrauen, das die kreisende Angst um sich überwindet. Das Vertrauen zu Gott, der sich danach sehnt, dass wir erlöst in seiner Gegenwart leben. Das Vertrauen, dass Gott uns in sein Herz eingeschrieben hat und uns trägt ins ewige Leben. Das hat Jesus verkündigt, das hat er geglaubt, das hat er vollkommen gelebt. Darum ist er als der Gekreuzigte der Auferstandene geworden. Sein Leben, sein Leiden und sein Tod öffnen, wie Gott ist. Das Wesen Gottes und das innerste Wesen des Menschen ist die Liebe. Zur Liebe hin ist der Mensch berufen. Und das innerste Wesen der Liebe ist die Hingabe. Sie liegt ureigen im Menschen selbst. In ihr atmet das ewige Leben. So spricht das Kreuz die erlösende Wahrheit über den Menschen aus und steht aufrecht als Zeichen der Hoffnung in der Mitte unseres Lebens und unseres Glaubens, unseres Fragens und Suchens.

 

P. Gregor Schwabegger OCist